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Junger Literaturpreis S.-H. 2026: Emilia Heinrich

»Die Schwalbe«
16:52

Am Literaturtelefon unter der Rufnummer 0431/901-8888 und auf www.literaturtelefon-kiel.de sind in diesen und den nächsten Wochen die Preisträgerinnen des vom Freundeskreis des Literaturhauses Schleswig-Holstein e.V. ausgeschriebenen 10. Jungen Literaturpreises S.-H. 2026 zu hören. Die 18-jährige Emilia Heinrich aus Halstenbek gewann mit ihrem Text „Die Schwalbe“, den sie hier vom 15. bis 28.6.2026 liest, den 1. Preis. Die Aufnahme entstand im Rahmen der Preisverleihung am 15. April 2026 im Literaturhaus S.-H.

In seiner Laudatio sagte Jury-Mitglied Laurin Lenschow: „Der Text ,Die Schwalbe’ [...] reizt das vorgegebene Limit von 3.000 Worten voll aus. Dabei ist reine Textlänge an sich natürlich kein Qualitätsmerkmal. Worauf es ankommt, ist, dass die Länge dem Inhalt gerecht wird – und das wird sie. Die Geschichte ist langsam und nachdenklich erzählt, und dabei gerade so lang, dass ihre Ideen und Figuren genug Raum haben, um sich zu entfalten [...]. Trotz der Textlänge gibt es mehrere Stellen, an denen [...] genau das Richtige weggelassen wird. Zum Beispiel wird in einem Absatz ganz allgemein über Menschen gesprochen, die vor verschlossenen Türen stehen, und der nächste Absatz beginnt damit, dass die Protagonistin eine Tür schließt. Der Zusammenhang wird nicht offen ausgesprochen, er entsteht im Kopf des Lesers. Auch die wenigen Dialoge in der Geschichte leben viel von dem, was nicht gesagt wird.

 In ,Die Schwalbe’ geht es [...] um ganz viele Schwalben. Es geht um eine, die keine ist, und um eine, die es gar nicht gibt. Schwalben fliegen hoch am Himmel, sitzen auf Fensterbänken, werden eingesperrt und freigelassen oder werden als Kettenanhänger getragen. Immer wieder tauchen sie in der Geschichte auf, und wann immer sie erwähnt werden, fügen sie dem Mosaik ihres Sinns einen weiteren Stein hinzu. Die Schwalbe wird mal zur Metapher, mal zum Symbol. Die damit verknüpfte Idee ist an sich nicht neu, wird in der Geschichte aber sehr souverän umgesetzt.

Darüber hinaus findet die Autorin auch sprachliche Bilder, die Sie wahrscheinlich noch nie zuvor gehört haben – Zitat: ,Dunkelgrüne Sekunden verstrichen’. – und solche, die einfach schön sind. Zitat: ,Ich stand erneut auf der Wiese, die so groß war, dass sie am Horizont den Himmel küsste.’

Neben der Schwalbe gibt es noch weitere Ideen, die jeweils mehrfach in der Geschichte auftauchen. Worum es sich dabei im Einzelnen handelt, will ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, aber der Text ist so gut durchdacht geschrieben, dass man ihn zwar beim ersten Lesen oder Hören versteht, aber beim zweiten Mal trotzdem noch Neues entdecken kann.

,Die Schwalbe’ erzählt von der Gefangenschaft in einem unsichtbaren Käfig und von wiedergefundener Hoffnung. Der Text ist atmosphärisch dicht und voll von gut gewählten sprachlichen Bildern. Die Autorin arbeitet geschickt und souverän mit verschiedenen Stilmitteln, wobei neben der namensgebenden Schwalbe besonders Personifikationen und der wiederholte Einsatz von Farbsymbolik hervorstechen. Aus diesen Elementen entsteht eine Geschichte, die sich anfühlt wie eine große Befreiung. Sie zieht den Leser in ihren Bann, lässt ihn aber trotz des ernsten Themas nicht ohne Hoffnung zurück, denn: ,Du allein bestimmst, wie weit du fliegen wirst.’“

Die Texte aller diesjährigen Preisträgerinnen sind nachzulesen unter: www.flsh-kiel.de.

Foto: privat

Marina Schwabe Darya Mantana